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Philippinen: Barracuda Lake, Coron Island (Palawan)

Es gibt viele physikalische Gesetze, die das Tauchen betreffen. Die meisten davon erscheinen jedem Taucher eigentlich logisch und werden schnell als selbstverständlich hingenommen: Man taucht entweder in Süßwasser oder in Salzwasser. Dementsprechend gibt es im Salzwasser ausschließlich Salzwasserfische. Und im Süßwasser? Naja, eben Süßwasserfische. Trägt man eine Tauchermaske, kann man in klarem Wasser auch klar sehen. Außerdem wird Wasser grundsätzlich kälter, je tiefer man taucht, zumindest aber wird es nicht wärmer. Hierüber herrscht weitgehend Einigkeit.

 

Nur einmal angenommen, wir erzählen euch an dieser Stelle von einem Gewässer, in dem das alles nicht zutrifft: Ihr taucht in Süßwasser ab, seht aber plötzlich Salzwasserfische. Das Wasser ist glasklar, aber ihr seht alles verschwommen, wie durch eine falsche Brille. Damit nicht genug: das Wasser wird immer wärmer, je tiefer ihr taucht! Ein Fall von Tiefenrausch? Mitnichten!

 

 (c) Timo Weber (c) Timo Weber (c) Timo Weber

 

Bei dem Gewässer, das scheinbar die einfachsten physikalischen Gesetze im Tauchsport auf den Kopf stellt, handelt es sich um den „Barracuda Lake“ auf der Philippineninsel Coron Island in der Region Palawan. Der See liegt an der Nordwest-Seite der Insel, nur etwa 40 Meter landeinwärts. Man legt mit dem Banca nach einer Fahrt von etwa 45 Minuten in einer kleinen, flachen Lagune an und klettert zunächst über einen Holzsteg Richtung Seeufer. Klettern ist der richtige Begriff, denn auf dem Weg hinunter zum Seeufer geht es in voller Tauchmontur etwa 10 Minuten lang über Holzstufen und Leitern, die zwischen den scharfkantigen Felsen eingelassen wurden, um den Weg zum See nicht allzu schwierig zu gestalten.

 

(c) Timo Weber (c) Timo Weber (c) Timo Weber

 

Aber wer die Mühe der kurzen Kletterpartie auf sich nimmt, wird mit einem einzigartigen Tauchplatz belohnt. Türkis leuchtend und in der Sonne glitzernd liegt der Barracuda Lake schließlich vor einem, umgeben von hohen und bizarr geformten Kalksteinfelsen. 

 

Ist der Anblick dieses Sees schon atemberaubend, so beginnt das eigentliche Abenteuer erst mit dem Abtauchen. Je weiter man sich von der Einstiegsstelle entfernt und je tiefer man zwischen den spitzen Felsen dem Grund entgegen taucht, desto heißer wird das Wasser. Hat es am Einstieg etwa 28 Grad, steigt es mit zunehmender Tiefe auf bis zu 37 Grad an. Der Grund hierfür sind thermale Quellen, die sich irgendwo am Grund dieses Gewässers befinden.

 

Die Temperaturwechsel geschehen dabei nicht fließend, sondern erfolgen durch sprunghafte Übergänge zwischen den verschiedenen Schichten. Taucht man durch eine dieser Schichten hindurch, scheint das Wasser zu flimmern, man nimmt seine Umgebung nur noch verschwommen wahr, obwohl das Wasser im See an sich glasklar ist. Befindet ihr euch zum Beispiel in einer Schicht warmen Wassers, könnt ihr mit der Hand in eine deutlich kältere Schicht greifen, wobei ihr die Hand vor euren Augen nur noch verschwommen wahrnehmt. 

 

(c) Timo Weber (c) Timo Weber (c) Timo Weber

 

Auch der Grund des Sees hat an einigen Stellen Besonderes zu bieten: Er hat eine Konsistenz, die sehr an Wackelpudding erinnert: Er ist sehr weich und man kann mühelos seine Hand hineinstecken. Wenn man seine Hand im Boden bewegt sieht es aus, als würden sich von der Mitte aus kleine Schockwellen (wie bei einem Erdbeben) über den Grund ausbreiten.

 

Die nächste Besonderheit bilden die Tiere, die in diesem See leben. Offenbar gibt es eine unterirdische Verbindung des Süßwassersees zum Meer, denn die hier anzutreffenden Tiere entstammen teilweise dem Salzwasser und haben sich offensichtlich an die Mischung aus Süß- und Salzwasser im Barracuda Lake angepasst. Hier finden sich tausende kleiner Schnecken, Putzergarnelen, kleine braune Welse mit stahlblauen Augen und andere kleinere Fische.

 

(c) Timo Weber (c) Timo Weber (c) Timo Weber

 

Der Herr des Sees, der offensichtlich zu dessen Namensgebung führte, ist ein Barrakuda, der hier, angeblich 1,5 Meter lang, sein Unwesen treibt. Wir haben ihn allerdings nicht zu Gesicht bekommen, wie viele Taucher vor uns auch nicht. Die Abwesenheit des Hausherren ändert aber nichts an dem einzigartigen Erlebnis dieses Tauchganges. Abgesehen von den vielen Phänomenen dieses Sees ist alleine die Topographie mehr als beeindruckend: Das klare Wasser mit den bizarren Kalksteinfelsen, die den See einschließen und die als Steilwand bis auf den Grund herabreichen, um sich über Wasser gen Himmel zu strecken.

 

Ein weiteres Phänomen dieses scheinbar verzauberten Ortes ist die Zeit. Während sie auf den Philippinen mancherorts stillzustehen scheint, vergeht sie hier wie im Fluge. Wenigstens ist der Tauchgang hier viel zu schnell vorüber. Taucht man gegen Ende des Tauchganges schließlich wieder in die höheren Schichten, erscheinen einem die 28 Grad Wassertemperatur erbärmlich kalt und man beginnt regelrecht zu frieren.

 

Schließlich, am Ausstieg angekommen, heißt es noch einmal „klettern“! Den mühsamen Weg zurück, zwischen den Kalksteinfelsen hindurch zum Boot, um nach einem Bad in der Lagune noch einen letzten Blick zwischen den Felsen hindurch auf diesen geheimnisvollen See zu werfen, der einige physikalische Gesetze auf den Kopf zu stellen scheint, die uns Tauchern so selbstverständlich erscheinen.

Text & Fotos: Timo Weber

www.penyu.de

 

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